„trend“, Nr. 13 / 2019, Andreas Lampl.

Seit einem Jahr hat sich THOMAS SCHMID auf den großen Tag vorbereitet. Jetzt ist er nach einer Parteikarriere der Alleinvorstand der Staatsholding ÖBAG. Seine Agenda dort wird eine politische sein.

Zur Person Thomas Schmid ist in den Regierungsparteien öfters zu hören, er sei einer der Architekten von Türkis-Blau. Tatsächlich spielte der bisherige Generalsekretär und Kabinettschef im Finanzministerium schon früh den Verbinder zwischen ÖVP und FPÖ. In der fürs Budget zuständigen Runde sorgte der 43-Jährige während der Koalitionsverhandlungen dafür, dass keine Streitigkeiten ausbrachen. Bundeskanzler Sebastian Kurz vertraut Schmid seither und stellte ihm für seine Verdienste den Vorstandsposten in der neuen Staatsholding ÖBAG in Aussicht.

Das Hearing dafür fand am vergangenen Dienstag statt, und es wird niemanden überrascht haben, dass Thomas Schmid als Sieger hervorging. Zumal schon die Ausschreibung ganz auf seine Person zugeschnitten und der Tiroler schon im Ministerium für die Beteiligungen zuständig war. Per 01. April ist er, wofür er sich schon seit einem Jahr vorbereitet hat: Alleinvorstand der ÖBAG. Er sitzt damit an einem der machtvollsten Schalthebel, die man in der österreichischen Wirtschaft in die Hand bekommen kann. Alleine die von der ÖBAG gemanagten Anteile an den vier börsennotierten Beteiligungen – OMV, Post, Telekom und Verbund – sind im Moment EUR 13,8 Mrd. wert. Dazu kommen ein Drittel an den Casinos Austria und 100 Prozent der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), die den Fair Value ihrer Immobilien mit rund EUR 12 Mrd. angibt. Ein riesiges Rad also.

Die Regierung Kurz hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie wieder eine stärkere Kontrolle ausüben will. Das ist nicht nur im neuen ÖBAG-Gesetz festgeschrieben, auch Thomas Schmid betont gegenüber dem trend „ein aktiveres Beteiligungsmanagement als in der Vergangenheit“. Der frühere RBI-General Karl Sevelda, der sich nun bei Neos engagiert, schreibt dazu in einem trend- Kommentar: „Bei gelernten Österreichern sollten die Alarmglocken schrillen!“ (siehe Seite 11).

Thomas Schmid hat in den letzten Monaten schon sehr erfolgreich umgesetzt, was mit „der Wahrung österreichischer Interessen“ gemeint ist. Er betrieb die Ablöse von Telekom-Aufsichtsratspräsident Wolfgang Ruttenstorfer, eines früheren SPÖ-Politikers, der im Sommer 2018 zurücktrat. Schmid war auch maßgeblich an der „Heimholung“ des CEO-Postens in der Telekom beteiligt, der mit dem Kurz-Vertrauten Thomas Arnoldner besetzt wurde. Der Vorgänger, ein Vertreter des mexikanischen Mehrheitseigentümers América Movíl musste in die zweite Reihe. Etwas länger dauerte es, den immerhin vom größten Aktionär, der tschechischen Sazka Group, ins Spiel gebrachten Casinos-General Alexander Labak wieder loszuwerden. Erst diese Woche wurde Bettina Glatz-Kremsner, die stellvertretende Obfrau des Kanzlers in der ÖVP, als neue Nummer eins des Glücksspielunternehmens präsentiert. Dementsprechend harsch stellte Labak kürzlich in einem trend-Interview die Rolle des Staates als Gesellschafter in Frage.

NICHT DURCH DIE WAND.
Die Aufsichtsratspräsidenten von OMV und Verbund, Peter Löscher und Gerhard Roiss, warfen aufgrund des zunehmenden Drucks der Politik das Handtuch und machten damit den Weg für Neubesetzungen frei.

Ursprünglich ließ Schmid durchklingen, sowohl Löscher als auch Roiss selbst nachfolgen zu wollen. Offenbar ließ er sich aber von warnenden Stimmen in der Industriellenvereinigung (IV) und von Experten im Umfeld der Regierung überzeugen, nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Denn es fehlt ihm einerseits an Erfahrung, andererseits sind für den Aufsichtsratsvorsitz in einem großen Konzern wie der OMV zwei Tage Arbeit pro Woche zu veranschlagen, wenn man die Sache ernst nimmt. In der OMV wird Schmid daher nun die stellvertretende Leitung des Kontrollgremiums übernehmen. Präsident wird der frühere Topmanager des Markenartikelkonzerns Procter &Gamble, Wolfgang C. Berndt, 76. Dieser bleibt dem Vernehmen nach für ein Jahr, bevor Schmid nachrückt. Bei der Stromgesellschaft Verbund wird die ÖBAG gleich den Vorsitzenden stellen.

FÜHRUNGSKOMFORT.
Den Ratschlag, in der ÖBAG einen Zweier-Vorstand mit einer Art Elder Statesman zu bilden, schlug der Newcomer aus. Er wollte alleine bleiben, wiegelte Begehrlichkeiten der FPÖ ab und redete auch ein gewichtiges Wort bei der Auswahl seines „Chefs“, des Aufsichtsratspräsidenten der Staatsholding, mit. Im Februar wurde – nach langem Hin und Her – der öffentlich kaum bekannte Krankenhausmanager Helmut Kern bestellt, der Schmids Führungskomfort wohl nicht allzu sehr einschränken wird. Denn auch Kern ist fest in der türkisen Bewegung verwurzelt. Reibereien mit Finanzminister Hartwig Löger, dem politisch für die ÖBAG Verantwortlichen, sind ebenfalls nicht zu erwarten.

Erstaunliche Wendigkeit hat Thomas Schmid schon bewiesen, indem er unter drei vom Typ her völlig unterschiedlichen Finanzministern – Michael Spindelegger, Hans-Jörg Schellling und Löger – als Kabinettschef und Generalsekretär diente.

Für den umstrittensten Finanzminister der zweiten Republik, Karl-Heinz Grasser, agierte Thomas Schmid einst als Pressesprecher, wechselte dann zu seiner Landsfrau Elisabeth Gehrer ins Bildungsministerium und war Büroleiter von Wolfgang Schüssel in dessen Zeit als ÖVP-Klubobmann. Eine klassische Parteikarriere, die den studierten Juristen und Politikwissenschaftler jetzt ganz nach oben führte. Er ist der erste, der es ohne Managementerfahrung an die Spitze der Staatsbeteiligungen schaffte. In der früheren ÖIAG saß nie ein Vorstand, der ausschließlich für eine Partei, aber nicht für ein Unternehmen gearbeitet hatte.

Diese Tatsache lässt auch kritische Stimmen laut werden. Der Job sei eine Schuhnummer zu groß für ihn, ist in Wirtschaftskreisen da und dort zu hören. „Um es mit Leuten wie OMV-General Rainer Seele aufnehmen zu können, wird Schmid an Gewicht zulegen müssen“, sagt etwa ein staatsnaher Manager. Offiziell lässt sich freilich niemand zitieren. Bemerkenswert ist die Sichtweise der Wirtschaftsanwältin Edith Hlawati, die den Aufsichtsräten von Post und Telekom vorsteht: „Thomas Schmid hat politische Durchsetzerqualitäten, die ein reiner Betriebswirt nicht leisten könnte. Die standortpolitischen Themen sind ja die viel wichtigere Dimension der ÖBAG.“

Genau das ist der springende Punkt. Der neue ÖBAG-Boss hat eine vorrangig politische Agenda. Er wird nicht in erster Linie Geschäftsmodelle hinterfragen, sich in Bilanzen vertiefen oder über Strategien streiten – er wird dafür sorgen, dass das System Kurz, nämlich absolute Kontrolle, auch in den Unternehmen der Staatsholding greift. Die Blauen setzen sowieso auf einen starken Staat, auch in der Wirtschaft. „Heute würde man zum Beispiel bei der Telekom sicher nicht mehr unter 50 Prozent gehen“, sagt ein FPÖ-Mann.

SCHNITTSTELLENMANAGER.
Als oberstes Ziel nennt Schmid „die Wertsteigerung der Anteile“. Aber er wird vor allem ein Vermittler zwischen den politischen Entscheidungsträgern und dem aktienrechtlich Möglichen sein müssen. Er wird vor allem in der FPÖ Überzeugungsarbeit gegen allzu forsche Wünsche leisten müssen. Und er wird den Interessenausgleich mit den ausländischen Großaktionären suchen müssen: mit den Syndikatspartnern aus Abu Dhabi und Mexiko bei OMV und Telekom bzw. mit der Sazka Group bei den Casinos. Auf diesem Feld hat er Erfahrung, möglicherweise kommt ihm dabei auch seine Diplomatenausbildung (Absolvierung des A-Préalable) zugute. Schmid selbst sagt: „Das Schnittstellenmanagement, das in der Vergangenheit nicht gut funktioniert hat, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben. Und die Kommunikation unserer Leistungen. Es handelt sich ja um öffentliches Eigentum.“

Da klingt wieder der Polit-Profi durch, der immer auch im Kopf hat, was sich gut verkaufen lässt. So wälzte Schmid in der Vergangenheit etwa Überlegungen, dass die BIG die Mieten für Schulgebäude und Behörden senken sollte, um das Budget zu entlasten. Oder dachte laut nach, ob nicht die Telekom Austria auf Druck der Mexikaner zu wenig in den Breitbandausbau investiert. Die Sazka erinnerte Schmid bei diversen Streits recht unverhohlen, dass der Staat auch Glücksspiel-Regulator ist, um sie in die Schranken zu weisen.

Im Moment ist der ÖBAG-Boss dabei, ein schlagkräftiges Team auf die Beine zu stellen. Aus dem Finanzministerium nimmt er den Finanzmarktexperten Bernhard Perner mit. Der interimistische Chef der Vorgängergesellschaft ÖBIB, Walter Jöstl, bleibt an Board. Eine Leiterin der Rechtsabteilung wurde von Roland Berger abgeworben. Und mithilfe eines Headhunters wird je ein Manager für jeder Beteiligung gesucht: unter Investmentbankern oder M&A-Spezialisten. Parallel dazu werden die Hauptversammlungen vorbereitet – und die Umsetzung des dringenden Vorhabens der ÖBAG, „möglichst schnell in allen Aufsichtsräten vertreten zu sein“.

Ein Vorteil für Thomas Schmid ist, dass er Luft hat, Erfahrungen zu sammeln. Denn keines der teilstaatlichen Unternehmen befindet sich in einer Krise. Die Zahlen stimmen größtenteils. Auch beim Verbund, wo sich der Neue besonders engagieren wird. „Das Unternehmen wird sich in den nächsten Jahren eine goldene Nase verdienen, weil sich die Strompreise verdoppelt haben und der Personalabbau 100 Millionen Euro spart“, so ist dort zu hören. Schmid wird sich hüten, Topmanagern wie OMV- Frontmann Seele oder Post-General Georg Pölzl gute Ratschläge zu erteilen. Aber wenn „österreichische Interessen“ berührt sind, wird die ÖBAG zur Stelle sein. Etwa bei weiteren Deals der OMV mit der russischen Gazprom. Oder beim Plan der Post, eine eigene Bank aufzubauen, der ohne Deckung durch die Republik schwer durchzubringen wäre.

Im zweiten Halbjahr werden dann auch die Voraussetzungen für die neu geschaffene standortpolitische Kompetenz der ÖBAG stehen. Sie kann dann auch neue Beteiligungen eingehen, wenn sie für Österreich strategisch wichtig erscheinen; alleine oder als Organisatorin eines rot-weiß-roten Konsortiums. Man wolle dagegen halten können, wenn Chinesen einen Airport oder Koreaner ein anderes wichtiges Unternehmen übernehmen wollen, wie es so schön heißt.

Die IV hat ein wachsames Auge auf dieses Thema. „Es besteht eine grundsätzliche Sensibilität der Industrie. Aber die Signale, die wir bekommen, deuten in die richtige Richtung“, erklärt Generalsekretär Christoph Neumayr. Thomas Schmid will Debatten über eine Reverstaatlichungswelle gar nicht erst aufkommen lassen. Gleichzeitig weiß er sich im Einklang mit der „Austria first!“-Strategie der türkis-blauen Regierung, zu deren Vordenkern er von Beginn an gehörte.

Rochaden unter den Aufsehern

In den Aufsichtsräten der ÖBAG-Unternehmen stehen Veränderungen bevor. Eine Namensliste gibt es schon.

SPITZENJOBS.
Den Aufsichtsratsvorsitz im OMV-Konzern wird ÖBAG-Chef Thomas Schmid nicht sofort übernehmen. Er gönnt sich die von Vertrauten geratene Aufwärmphase und zieht als Vize ins Kontrollgremium ein. Den Präsidentensessel überlässt er dem früheren Topmanager von Procter & Gamble Wolfgang C. Berndt – dem Vernehmen nach für ein Jahr, bevor er selbst nachrückt.

Beim Verbund wird die ÖBAG sofort den Vorsitzenden stellen – und höchstwahrscheinlich wird Schmid den Job selbst machen. Weil auch der Stellvertreter Michael Süß, ein deutscher Manager, sein Mandat aufgibt, kann noch jemand neu in den Verbund-Aufsichtsrat einziehen. Die FPÖ ist heiß auf diesen Posten.

Wirtschaftsanwältin Edith Hlawati wird bis auf Weiteres den Kontrollgremien von Post und Telekom vorstehen. Auch Walter Rothensteiner bleibt vorerst Präsident der Casinos Austria.

Die ÖBAG wird aber auch bei den einfachen Mitgliedern in den Aufsichtsräten ihrer Beteiligungen sehr bald auf Veränderungen drängen. Erstens, weil sie sehr rasch mit eigenen Leuten in den Gremien vertreten sein will. Zweitens, weil mehr Vertrauensleute der türkis-blauen Regierung installiert werden sollen. Es existiert bereits eine Liste mit rund 40 Namen, die für Besetzungen in Frage kommen, darunter etwa der Unternehmer Martin Ohneberg, auch einer der Favoriten als nächster IV-Präsident, oder der CEO der Signa Group, Christoph Stadlhuber. So weit wie möglich soll das alles ohne großen Zoff über die Bühne gehen.